So ist das nun mal: ein Wort zuviel - und der ganze Zauber ist dahin.
Seit ein paar Jahren schon kaufe ich mein Brot in dem Bioladen neben dem Radlgeschäft. Meistens das vom Vortag und zum halben Preis. Dafür schmeckt es doppelt so gut. Sonst kaufe ich nichts. Das überlasse ich anderen, den Biofreaks in Schafwollpullovern und Sandalen, welche der Verkäuferin glänzende Kuhaugen machen, sie anhimmeln und verzückt den Mund spitzen, um dann in ihren großkalibrigen Geländewagen davon zu rauschen.
"Sollen sich bloß nicht einbilden", sage ich mir dann, " dass sie etwas von ihnen will. Auf mich steht sie, den Radler."
Ich warte nur darauf, dass sie singt: "Dat du min Leevsten büst dat du woll weeß." Ich halte sie nämlich für eine, die aus jener Gegend kommt, wo man dieses wunderbare Lied singt. Während ich den brünstigen Gedanken die Zügel schießen lasse, übersehe ich ganz, dass ich an der Reihe bin, sodass mich ihr "bitte, was darf`s sein?" aus der süßen Träumerei aufschreckt.
Dabei weiß sie genau was ich brauche. Ich habe noch nie etwas anderes gekauft als Brot von gestern oder vorgestern. Nachdem wir zusammen entschieden haben, welche Sorte genommen wird - fränkisch, schwäbisch, bayrisch, mit Kümmel oder mit Kernen oder Brauereiresten oder ganz normal - kommt die seit Jahren immer gleiche Frage:
"Soll ich es noch mal durchschneiden?"
Und ich gebe seit Jahren die gleiche Antwort:
"Danke, ich nehme es so".
Dann wird das kostbare Stück vor meinen Augen mit atemberaubender Fingerfertigkeit verpackt und ich suche - um die köstliche Prozedur zu verlängern - umständlich nach Kleingeld. Schließlich sind die himmlischen Sekunden der Geldübergabe gekommen. Doch nie gelang es mir dabei, ihre Finger zu berühren. Heute nun wurde die Zeremonie jäh durchbrochen. Sie sagte ohne Not oder auch nur anzudeuten, dass sich etwas ändern soll:
"Ich glaube, das frage ich Sie jedes Mal."
Ich kann nicht an mich halten und lache drauf los, dass es mich schüttelt. Dann reiße ich mich zusammen und sage: "Ich glaube ja und ich bitte Sie, tun sie`s weiterhin. Sie meinen es einfach gut mit mir."
Drauf sie: "Ja, nicht wahr?"
Das klang so herzhaft wie das Brot schmeckt. Dieses "ja, nicht wahr" wurde in seiner rührenden Art nur vom Geständnis des Verteidigungsministers übertroffen, man hätte es anlässlich einer Geburtstagsfeier bei einem Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel "krachen lassen".
Der Bayer lächelt nachsichtig, wenn er von solchen Ausschweifungen hört, während bei der spartanischen, genetisch bedingten Betrachtungsweise des Preußen - und dazu zählt der Bayer auch die Leute von der Waterkant - so etwas durchaus an Pflichtvergessenheit grenzen mag. Bei einem Bayer lässt sich die Nähe zum Balkan nun mal nicht verheimlichen, er sieht großzügig über vieles hinweg, vor allem wenn es ihm nützt. Der Landsmann aus dem Norden nennt es: "Das Leben unzulässigerweise generalisieren", während der Bayer sagt: "Passt scho."
Von dieser Wurschtigkeit hebt sich die Sorgfalt der Verkäuferin auf gravierende Weise ab. Deshalb bin ich sicher: Sie muss von weit oben kommen, das ist dem Fischer sine Fru.
Das Haar ist vielleicht ein wenig zu gepflegt für die Fischerfru und eine Brille hatte sie vermutlich auch nicht. Aber der schmale Oberkörper unter der roten Schürze und dem dicken Pullover, der einen Busen vortäuschen muss und vor allem die Sprache aus welcher Salzluft weht, lässt keinen Zweifel: das ist dem Fischer sine Fru. Ätherisch, elfengleich, einfach zauberhaft in einem bayrischen Brotladen.
Nur, wie geht es weiter mit dem Zauber nachdem er leichtsinniger Weise gebrochen wurde? Mit einer unbedachten Bemerkung wurde das Beste am Brot vom Vortag, die Frage "soll ich es noch mal durchschneiden", welche das Herz seit Jahren jede Woche zweimal zappeln lässt, entzaubert.
Zwei Möglichkeiten sehe ich - falls sie überhaupt noch fragt:
1. Weiterhin sagen: "Nein danke, ich nehme es so". Dann wird sie, nachdem die Tradition nun mal gebrochen ist, irgendwann nicht mehr fragen und das Brot einfach einpacken.
2. Oder: "Ja bitte". Dann wird sie auch irgendwann nicht mehr fragen und das Brot einfach zweiteilen. Der Zauber ist tot.
Ich sehe nur eine Möglichkeit, ihr Interesse an mir und meiner Vorliebe für trockenes Brot weiterhin wach zu halten.
Abwechselnd entscheiden, so, dass sich keine Gewöhnung einschleichen kann. Einmal: "Ja bitte". Das nächste Mal: "Nein danke".
Aber nicht einfach abwechselnd. Unregelmäßigkeit heißt die Lösung, nein, Unberechenbarkeit. Sonst wird das Ganze ja wieder zur Routine und sie macht mit dem Brot was sie will. Ohne mit dem Herzen bei der Sache zu sein, wird sie das Brot in einer Tüte verschwinden lassen - ganz oder ungeteilt. Nie mehr werde ich die heiß ersehnte Frage hören: "Soll ich es noch mal durchschneiden".
Hier ist guter Rat teuer. Ich rechne mit dem Schlimmsten.
Nach drei Tagen ist es so weit, ich brauche wieder Nachschub. Schon bevor ich den kleinen Laden betrete, sehe ich durch die Glastüre das leere Vortags-Brotfach. Seit Jahren ist es zum ersten Mal leer. Was bleibt mir anderes übrig als ein frisches zu nehmen, wenn ich nicht als Pfennigfuchser dastehen will.
Nun kommt der alles entscheidende Augenblick und sie sagt: "Ich empfehle Ihnen, das Brot als Ganzes zu nehmen, es ist frisch und trocknet schnell aus wenn es geteilt wird."
Da reitet mich der Teufel und bevor ich es richtig gewahr werde, höre ich mich sagen: "Bitte schneiden Sie es einmal durch, ich bin trockenes Brot gewohnt."
Dieses Mal ist sie es, die sich vor Lachen schüttelt. Es fehlt nicht viel und ich singe: "Dass`d mir de Liabste bist, des woast fei scho."