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Pegasus
Verein für kreatives Schreiben e.V.
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Text des Monats März 2011
(Für Inhalt und
Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)
Ruth Birk
Nähe
Der Winter kam damals besonders früh. Anfang Oktober waren die Berge tief verschneit. Die Zugvögel waren noch nicht auf der Reise und viele schafften es nicht über die Alpen auf ihrem Zug gen Süden.
Auf meinem Balkon im dicken Schnee saß, nein lag ein völlig ermattetes kleines Vögelchen. Ich nahm es ins warme Zimmer und machte ihm ein kleines Nest aus weichen Tüchern. Unbeweglich lag es darin eingekuschelt, doch die kleinen schwarzen Äuglein waren offen und verfolgten mich. In meinen wenigen vor-handenen Lebensmitteln suchte ich nach etwas, was einem Vogelmagen gut tun könnte. Doch der kleine Buchfink verweigerte jede flüssige oder feste Nah-rung. Ich ließ ihn in Ruhe und hoffte, dass er die Nacht überstehen möge.
Diese Begebenheit kam mir in meiner damaligen Situation äußerst mysteriös vor. Es war gerade 14 Tage her, dass mein Mann für immer seine letzte Reise angetreten hatte. Ich habe mich in meine Ferienwohnung in den Bergen zu-rückgezogen, wollte allein sein. Der kleine Vogel lenkte meine Fantasie in eine ungewohnte Richtung. Ich glaube nicht an die Seelenwanderung. Und doch kam mir der Gedanke, dass mit dem Tierchen mein Mann noch einmal bei mir eingekehrt wäre. Ich fühlte mich warm und geborgen … und getröstet. Es war für mich ein tiefes, sehr eigenartiges Gefühl. Er war noch nicht fort in der un-fassbaren Unendlichkeit. Wollte mir zeigen, dass er noch existiert. Dass er um mich ist. Meine Tränen liefen nicht aus Trauer, sondern aus stillem Glück. Mit diesem Glauben, nicht allein und von einem guten Geist beschützt zu sein, bin ich schlafen gegangen. Der Vogel rührte sich zwar, blieb aber still in seinem Nest hocken.
Der Morgen dämmerte und ein aufgeregtes Flattern weckte mich. Der Buchfink flog im Zimmer umher und schlug gegen die Scheibe. Schnell öffnete ich die Tür und entließ das Tierchen in die Freiheit. Kräftig und sicher flog es davon.
Meine innere Stimme meldete sich: Er war bei dir, du hast ihn losgelassen, er kann seinem Weg ungehindert folgen, nun folge auch deinem.
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