Pegasus

Verein für kreatives Schreiben e.V.
 
 
 
     
 

Text des Monats Juni 2011

(Für Inhalt und Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)

Michael Stiftland

Abschnitte

Mit Schwung schob Angela die Tür zum Friseurladen auf.
Der Haarcoach sah sie eintreten und lief sofort zu ihr.
„Bonjour, Mademoiselle. Was kann isch für sie tun?“ Er fuhr mit der Hand durch ihre langen, dunklen Haare. Schnell urteilte er: „Pardon, i´re wunderbare ´aare sind fast ´inüber. Da müsse wir eine Aufbaukür maggen.“
Er führte Angela zu einem Stuhl. „Keine Sorge, Mademoiselle. Gut, das sie rechtzeitisch zu misch geeilt sind.“
„Ich wollte eigentlich …“ sagte Angela aber der Meister gebot den Kamm in die Luft streckend Ruhe.
„No, no, no. Dauert nigt lang und wird eine Kuntwerk, verspreche isch. ´ören Sie?“
Angela holte Luft, dann sagte sie: „Einen Kahlschnitt bitte.“
Der Mann schien binnen einer Sekunde schockgefrostet – mit offenem Mund.

Drei Stunden vorher war es Angela ähnlich ergangen. Sie konnte nicht glauben was ihr gesagt wurde.
„Die wirtschaftliche Lage zwingt uns zu bedauerlichen Schnitten“, sagte der Personalchef. „Es tut mir leid. Die Firma hat beschlossen sich von ihnen zu trennen.“
Wie lange sie sich hier abgeschuftet hatte, auf was sie verzichtet hatte für ihren Traumjob, all das zählte nichts. Ihre Firma hatte etwas beschlossen, sie selbst keine Wahl.

Angela hatte zusammen gepackt und war nach Hause gegangen. Sie hoffte, Emil käme heute etwas früher. Jemand mußte sie festhalten.
Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Von ihm. Zuerst wunderte sie sich – war er schon zu Hause? Sie las:

„Ich habe nicht den Mut es dir zu sagen. Du umklammerst mich wie eine Krake, so daß ich keine Luft mehr bekomme. Ich brauche Freiheit. Kann deine Krakenarme nicht einzeln abschneiden, daher gehe ich. Es tut mir leid. Leb wohl. Emil.“

Ein zweites Mal saß sie an diesem Tag mit offenem Mund da. Niemand hatte sie gefragt. Niemand eine Wahl gelassen.
Einige Stunden lang trank sie einen Kaffee nach dem anderen, rauchte eine Schachtel Zigaretten und fand endlich auch den Rest Obstler im Schrank.

Dann beschloss sie, ihren Termin wahrzunehmen.
Der Coiffeur stand mit offenem Mund vor ihr. „Tut mir leid“, sagte Angela.
Sie brauchte niemanden, der ihr keine Wahl ließ – Nein, diesmal bestimmte sie selber.