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Text des Monats Februar 2012
(Für Inhalt und
Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)
Klaus Schmitt
In 63 Tagen um die Insel
Tag 51 Reykjavik – Selfoss 40 km
Das Leben braust an mir vorüber, wasserdicht verpackt, öde und gefährdet.
Wasserdicht, okay. Aber öde?
Weil diese Art Mobilität Stillstand bedeutet.
Aha. Und gefährdet?
Nun, überall lauert der Komfortsumpf. Die Freizeitindustrie weckt Bedürfnisse und befriedigt sie im gleichen Augenblick. Der lauwarme Komfortbrei wird mittels Unterhaltungselektronik, eine verbesserte Version des Prinzips kommunizierende Röhren, überall gleichmäßig hoch gehalten, so, als wäre damit die Langeweile in den Tümpeln leichter zu ertragen.
Tümpel? Meinst du damit etwa Reykjavik? Zuerst wolltest du vorbei fahren, dann wurde daraus ein viertägiger Aufenthalt. Geradezu geschwärmt hast du und bist 100 Kilometer in der Stadt geradelt. Und nun wärs ein Tümpel.
Da war ich auch nicht in Lebensgefahr. Ich vermied die sechsspurige Ausfallstrasse, umfuhr sie auf Schleichwegen - größtenteils waren es Fußwege. Aus sechs Spuren wurden vier, doch der Verkehr blieb. Dann kam ich zu dem Schild mit der Leuchtschrift, welche über das Wetter an besonders exponierten Orten informiert. In diesem Fall war es eine „Hellisheidi“. Mit einer Hochfläche hatte ich nicht mehr gerechnet. Erschreckend aber war die Windangabe: 8m/s, entsprechend knapp 30 km/h. Das bedeutet, wenn er mir entgegen bläst und ich nicht trete, fahre ich mit doppelter Normalgeschwindigkeit rückwärts. Die Temperatur ist okay, 13°.
Die Straße steigt an. Der Wind kommt von vorne links. Bei dem schmalen Rand – „breit genug für die Radfahrer aus Þýskalandi und Frakkalandi und Póllandi“ werden sich die isländischen Straßenbauer gedacht haben - ist an Fahren nicht zu denken. Ich kann die Spur nicht halten. Ich steige ab und schiebe. Die Straße steigt weiter. Ich messe zwischendurch mal die Höhe: 350 Meter und ich bin noch nicht oben. Inzwischen ist aus dem viertel Meter breiten Streifen ein 2 Meter breiter Radweg geworden, vielleicht ist es auch der Standstreifen. Die Leute scheinen die Straße als Autobahn zu betrachten. Ein selbst für Isländische Verhältnisse eigenartiges Denkmal taucht auf. Zwei PKW, die zusammenkrachten und allem Anschein nach ausbrannten, sind auf einem Stahlgerüst aufgebaut. Eine Tafel mit Kreuz und einer 9 im Kreuzungspunkt der Balken informiert: Látnir á árinu. Ich rate mal: 9 Tote in diesem Jahr. Und darunter: Eru beltin spennt? Hier traue ich mich schon zu übersetzen: Bist du angeschnallt?
Ob das ernst gemeint ist? Angeschnallt im brennenden Auto. Ich wüsste ein wirksameres Mittel.
Ich habe die Hellisheidi erreicht. Aber der Sturm ist so heftig, dass ich auch Probleme habe, mich innerhalb des 2 Meter breiten Radwegs zu halten, der nun eben dahin zieht. Was bleibt mir anderes übrig, als weiterhin zu schieben? Sturmböen treiben den Regen horizontal über die Straße. Die Gruppe der jungen Leute aus Schottland ist offenbar umgekehrt, sie wollten nach Hveragerđi. Jedenfalls kommen sie nicht nach. Oder fahren sie den Bogen im Süden aus? - was ich vernünftigerweise auch hätte tun sollen. Zu spät, nun bin ich schon oben auf dem schätzungsweise 400 Meter hohen Plateau. Wenn es nur endlich hinunter ginge, drunten verspreche im mir mehr Deckung. Aber das kann noch lange dauern bei meinem Tempo.
Da fährt ein Auto vor mir auf den Standstreifen und hält an. Aus steigt, wie könnte es anders sein - eine Frau. Wenn wir die Frauen nicht hätten, die einzigen, die mitdenken.
Mit vereinten Kräften schaffen wir zuerst das Gepäck, dann das Rad ins Auto. Endlich können wir uns selbst ins Trockene retten und kommen dazu, einander anzusehen. Dann lachen wir erst mal. Sie sieht ziemlich zerzaust aus vom Wind und sie tropft. Bei mir war nichts mehr zu verderben, zugewachsen wie ich bin. Ich gebe ihr zu verstehen, dass es mir leid tut, wenn sie meinetwegen nass wurde.
„It ´s okay“ sagt sie und wehrt ab. Sie fährt nach Hveragerđi, aber sie wird mich, wie ich sie einschätze, auf dem Campingplatz in Selfoss ausladen, immerhin 15 Kilometer weiter. Wie ich dann noch mal betone, dass es mir leid tut, ihr Scherereien bereitet zu haben, sagt sie beinahe ärgerlich: „It`s okay“. Noch mal brauche ich das nicht zu sagen, sonst schmeißt sie mich raus.
Wie vermutet, fährt sie durch Hveragerđi hindurch und zum Campingplatz in Selfoss. Wie bedankt man sich in so einem Fall? Ich tu was ich kann, verbeuge mich, und versichere ihr, dass das very, very nice war. Dann sage ich mir: Was soll das Gequatsche? Ich nehme sie einfach in die Arme und drücke sie ganz fest. So war es wohl am Besten. Ich spüre es und sie wohl auch. Ihr Winken beim Wegfahren lässt es jedenfalls vermuten.
Freitagabend. Die Post schloss vor einer viertel Stunde und sie öffnet erst wieder am Montag. Was solls? Nach so einer Begegnung ist das Herz erst mal gut versorgt. Außerdem empfinde ich Überraschungen wie die mit der geschlossenen Post inzwischen als Bereicherung.
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