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Text des Monats Dezember 2011
(Für Inhalt und
Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)
Christa Kügler
Vorweihnachtszeit im Hafen von Patras
Am Zaun hingen Menschen. Es sah unwirklich aus, die diffuse Beleuchtung, der starke Regen. Bei genauem Hinsehen entpuppten sich die Gestalten als junge Männer verschiedener Hautfarben, die sich an den Maschen dieses groben Zaunes festklammerten. Ihre Füße erreichten den Boden nicht. Mit allen Vieren suchten sie Halt. Alle starrten in Richtung Meer.
Endlich hatte ich den Hafen von Patras erreicht. Es war Mittagszeit. Der Tag war dunkelgrau, es regnete in Strömen. Ein Gewitter tobte sich aus. Das Hafengelände von Patras war von hohen Maschendrahtzäunen eingefasst. Der Zaun wurde oben mit spitzen Drahtenden abgesichert. Zehn Tage vor Weihnachten war auch in Griechenland der Winter eingekehrt.
Was wollten diese Menschen und wer waren sie? Mich beunruhigte die Menge. So schnell konnte ich nicht zählen, aber fünfzig schätzte ich bestimmt, die bei schlechtestem Wetter, Temperaturen um die 10 Grad Celsius, Nässe, Trostlosigkeit ausharrten.
In mir stieg Angst hoch und die unangenehme Erinnerung an einen Vorfall in Venedig vor sieben Wochen. Dort war es als Zugabe überdies noch dunkel gewesen. Regen und Temperatur hielten sich die Wage. Als ich mein Auto zwei Minuten verließ, nicht ohne es abgeschlossen zu haben, war es bei meiner Rückkehr schon aufgebrochen. Gerade sah ich noch ein asiatisches Gesicht auf der Beifahrerseite und zwei kleine Gestalten auf dem Gehsteig, eine mit Handy. Alles ging so schnell und war schon vorbei, bis ich es überhaupt begriff. Es dauerte einige Zeit bis ich den Verlust meiner Tasche, des Geldes und des Gefühls, meine Sicherheit eingebüßt zu haben, überwunden hatte.
Jetzt war ich in Griechenland. Man hatte mir gesagt, hier passiere gar nichts, alles sei sicher. Wieder musste ich mein Auto verlassen, um am Fährschalter einzuchecken. Diesmal hatte ich allerdings eine Begleiterin. Sie würde aber eventuellen Dieben auch nichts entgegensetzen. Sie lag schlafend in ihrem Transportkorb. Ich hatte ihr eine Viertel Beruhigungstablette gegeben, damit wir die lange Wartezeit bis zur Abfahrt des Schiffes gut überstehen sollten. Sie ist eine kleine Katze. Mit mir war sie auf das Grundstück auf Rhodos eingezogen und war in den sieben Wochen, die ich dort verbrachte, keinen Tag mehr gewichen. Jetzt mochte sie ca. drei bis vier Monate alt sein. Ich gab ihr den Namen „Xanthie“ von Xanthippe. Schließlich hatte sie sich mutig und konsequent durchgesetzt. Sie hatte beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und den Winter und das weitere Leben mit mir in Deutschland zu verbringen.
Und nun all diese jungen Männer an dem Zaun vom Hafen in Patras. Was sollte ich tun? Würde mein Auto wieder ausgeraubt werden? Ich stellte mich möglichst nahe zur Eingangstür und verließ das Fahrzeug. Einchecken konnte ich noch nicht. Aber ein Taxifahrer, der meine Situation erkannte, gab mir den Rat, ich solle mein Auto so schnell wie möglich in den Innenbereich des Hafens fahren. Auf meine Frage, wer denn all die jungen Männer am Zaun seien, machte er eine hilflose Handbewegung und sagte: „Sie warten.“ Auf was oder wen sie warteten, darüber gab er mir keine Auskunft. Er war hilfsbereit und begleitete mich mit seinem Fahrzeug in den Hafen, wo ich mein Auto unter einem Dach, vor der Eingangstür zum Wartebereich, sicher abstellen konnte. Trockenen Fußes erreichte ich den Warteraum.
Erst später auf dem Schiff, erklärte mir ein deutscher Lastwagenfahrer, was es mit den vielen Wartenden an den Zäunen um den Hafen auf sich hat.
„Sie alle kommen aus Nordafrika, den arabischen Ländern und auch aus Asien. Alle wollen mit einem LKW illegal nach Italien einreisen. Von dort aus versuchen sie sich nach England, Skandinavien oder Deutschland durchzuschlagen. Viele sind schon lange unterwegs. Ihre Familien haben das letzte Geld für sie geopfert und damit die Schlepper bezahlt. Alle Hoffnungen auf Hilfe ruhen auf ihnen. Sie sind völlig mittellos. Sie haben nichts zu verlieren, außer ihrem Leben. Und das ist nichts wert,“ erklärte mir der Brummifahrer. Auf einem Areal gegenüber des Hafens hatte ich sie gesehen, die elenden Verschläge aus Karton und Plastik, in denen sie hausten, nur notdürftig vor Nässe, aber nicht vor Kälte geschützt.
Der LKW- Fahrer fuhr fort: „Die Griechen sind mit dem Problem vollkommen überfordert. Alle Grenzen nach Norden führen in Nicht-EU-Länder und sind bewacht. Trotzdem kommen immer mehr von ihnen ins Land. Sie wollen nur eins, arbeiten, Geld verdienen und ihre Familien zuhause unterstützen. Die Armut ist so groß, sie sehen keinen anderen Weg. So warten sie Tag für Tag darauf, unerkannt in einen LKW zu schlüpfen. Sie versuchen, an roten Ampeln unerkannt von hinten in die Lastwagen zu gelangen. So hoffen sie, ihren Weg, der sie hier am Zaun stranden ließ, fortzusetzen und ihrem Elend zu entgehen.“
Ich war betroffen. Es handelte sich um junge Menschen. Sie hatten keine Perspektive. Hunger und Kälte waren ihre Begleiter. Chancen hatten sie so gut wie keine. Das alles spielte sich vor meinen Augen ab. Ich hatte keine Ahnung davon.
Die Bilder begleiteten mich auf dem Weg nach Hause. Weihnachten stand vor der Tür und meine Familie erwartete mich.
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