Pegasus

Verein für kreatives Schreiben e.V.
 
 
 
     
 

Text des Monats April 2011

(Für Inhalt und Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)

Barbara Ludwig

Liebe ist schön

„Träumt die junge Dame wieder? Tritt bitte an die Tafel, Elvira.“ Elvira zuckte zusammen, als hätte die launige Stimme des Deutschlehrers sie bei etwas Unanständigem erwischt. Ihre Wangen überzogen sich mit Röte und sie zögerte, aufzustehen. Sie besaß keinen blassen Schimmer, was Kerbel von ihr wollte.
„Wir haben alle Zeit der Welt“, höhnte seine sonore Stimme und die Klasse kicherte, als sich Elvira erhob, um mit Puddingknien und gesenktem Kopf durch die Mitte der Reihen zur Tafel zu schleichen. Erst, kurz bevor sie die Höhe des Lehrerpultes erreichte, schaute sie auf.

„L i e b e”, sah sie Detlefs Lippen formen und nickte. Romeo und Julia stand auf dem Lehrplan, fiel ihr mit Schrecken ein, Shakespeare. Aber was genau? Sie würde einen Sprung ins Ungewisse wagen müssen.
„Liebe ist schön“, schrieb sie in großen Buchstaben an die Tafel und ihr Blick wanderte erst zu Detlef dann zu Kerbel. Detlef war rot geworden und hielt den Kopf tief über die Schulbank gesenkt. Kerbel grinste anzüglich und unverschämt. Seine Mundwinkel umspielte ein maliziöses Lächeln.
„Na, das ist doch schon was!“ meinte er, „und?“ Elvira klaubte aus den Gehirnwindungen ihr leider überaus geringes Wissen über Shakespeare, Verona, die zwei verfeindeten Familien und die Liebe zwischen Romeo und Julia zusammen, und irgendwie konnte sie sich ja auch in diese Julia hineinversetzen, schließlich war sie ebenso verliebt. Sie wusste bis gestern nicht, wie sich das anfühlte.
Oft hatte Detlef ihre Nähe gesucht, war dann aber ausgewichen. Offensichtlich veräppelten ihn die anderen Burschen in der Klasse, sodass er hin und her schwankte, ihr sein Gefühl offen zu zeigen. Mal hatte er ihr zugelächelt, mal angeboten, ihre Schultasche zu tragen, mal ihr zugeflüstert, dass er sie ... , weiter war er in jenem Moment nicht gekommen, weil Kerbel um die Ecke bog. Wenn er in der Pause mit den anderen zusammen auf dem Schulhof herumstromerte, schien sie Luft für ihn zu sein. Sie verstand schon, er wollte sich nicht lächerlich machen.
Erst gestern im Park, sie trafen sich ganz zufällig, hatte er ihre Hand genommen, sie zur Seite gezogen und sie hatten sich geküsst. Noch jetzt konnte sie seine Lippen auf den ihren spüren und das wattige Gefühl, dass sich in ihrem Bauch Platz verschafft und ihre Beine zittern ließ, war noch immer vorhanden. „Liebe ist schön“, dachte sie, als sie von Kerbel, mit der Bemerkung, nächstes Mal besser aufzupassen, wieder auf ihren Platz zurückgeschickt wurde. Aber er riet ihr auch, und, vermerkte ihr die Unaufmerksamkeit nicht negativ, sich die ihre Meinung zu bewahren.

Aber wie denn? Zwei Wochen später waren Detlef ebenso wie die anderen Jungen aus ihrer Klasse samt Kerbel verschwunden, Kriegseinsatz hieß es nur und die Mädchen blieben als Rumpfklasse in der Schule unter Aufsicht der ältlichen Schulz zurück. Da es anderen Klassen ähnlich erging in diesen Tagen, an denen die Bomben vom Himmel fielen und sie alle sich mehr im Luftschutzkeller als anderswo aufhielten, wurden Mädchenklassen gebildet und Romeo und Julia stand nicht mehr auf dem Stundenplan. Durchhalten war die Parole und Stricken für die armen Jungs, die sich für die Frauen und Mädchen aufopferten, gab die Schulz ihnen zu verstehen.

Nach endlos langer Zeit war alles vorbei. überall verteilten sich Trümmer, man räumte ohne zu denken auf. Eine Weile nach Kriegsende verschlug es Elvira von München nach Hamburg. Sie heiratete irgendwann, als sie nicht mehr so jung wie Julia war. Bekam zwei Söhne und es war gut so.

Inzwischen neigte sich ihr Leben dem Ende zu. Elvira war eine rüstige alte Dame. Sie würde noch sehr gut aussehen, bescheinigte ihr Herr Claudius, ein, wie sie verwitweter Nachbar, wenn er sie auf der Treppe oder auf der Straße traf.
„Ich fahre nach München“, bedeutete sie ihm, „morgen schon, würden Sie sich meiner Blumen annehmen?“ Er nickte. „Aber natürlich, schöne Frau.“ Sie lächelte. In München lachte die Frühjahrssonne vom bayerisch blauen Himmel und ein föhniger Wind strich durch den Park. So aufgeräumt und kommod hatte Elvira den Englischen Garten nicht in der Erinnerung gehabt. Sie streckte das Gesicht zum Licht und lächelte versonnen. Ein Plätzchen zum Ausruhen wäre jetzt schön, dachte sie und hielt Ausschau nach einer Bank. Bevor sie Platz nahm, blickte sie auf das Messingschild, das auf der Rückenlehne verschraubt war.

„Liebe ist schön.“ Gespendet von Detlef Burkel, stand auf ihm.