|
Text des Monats September 2009
(Für Inhalt und
Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)
Michael Stiftland
Dumme Gans
Er lächelte sie an und legte seine rechte Hand an ihren Hals. "Dann wollen wir mal, meine kleine Gans."
Karl stand auf und trug sie unter den Blicken der Doktorin und Helfer Ralf aus dem Zwinger hinaus.
"Ende der Einzelhaft", kommentierte Ralf das Ereignis und hielt die Aussentüre auf.
Gans Gertrud in den Armen von Pfleger Karl kam wieder hinaus an die frische Luft und schnatterte ihre Freude lauthals heraus.
Es waren nur ein paar hundert Meter, dann kam Karl zum Freigehege. Ralf und die Doktorin standen dabei, als Gertrud vorsichtig am Ufer des Teichs abgesetzt wurde.
"Na komm, Gertrud", sagte Karl. "Da drüben sind deine Freunde." Er wies auf die Vögel, die sich an das gegenüberligende Ufer zurückgezogen hatten. "Jetzt such dir einen schönen Schnatterich, dann biste nicht mehr so einsam."
Gertrud watschelte etwas unentschlossen am Ufer, glitt dann ins Wasser und drehte sich mal hier und mal da hin.
"Einsam", sagte die Doktorin. "Da sagen sie was. Ausgerechnet zu Gertrud, die sich in sie verguckt hat." Sie blickte Karl an. "Und was ist mit Ihnen selbst? Wollen sie ewig nur Gänse im Arm halten?"
"Näh", sagte Karl und wich ihrem Blick aus. "Ab und an darf's auch mal die Fernbedienung oder ne Pulle sein."
Die Doktorin verzog den Mund und ging dann davon.
"Mußte das sein?" fragte Ralf. "Ist ja nicht nur Gertrud, die sie gerne mag."
"Mein Junge", sagte Karl, "Menschen können einen enttäuschen. Bitter enttäuschen. Tiere dagegen niemals."
Gertrud sprang wieder aus dem Wasser und watschelte schnatternd auf Karl zu.
"Mag sein", sagte Ralf. "Aber enttäuschen nicht auch sie das Tier? Die kleine, dumme Gans?"
Karl sah auf Gertrud hinab. "Vermutlich bin ich der größere Dummkopf. Nicht zu ändern." Er holte Luft und sah hinauf zum Himmel. "Sag mal, Ralf, willst du eigentlich Tierpfleger werden oder Psychologe?"
"Tierarzt", sagte Ralf. "Und sie wissen, was wir mit hoffnungslosen Fällen machen." Er grinste und ging.
Karl sah eine Weile den Wolken zu, dann schaute er sich um. "Gertrud?" fragte er. Dann entdeckte er sie auf dem Weg zu ihren Artgenossen hinüber.
"Du jedenfalls schaffst das", murmelte er.
|