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Verein für kreatives Schreiben e.V.
 
 
 
     
 

Text des Monats Januar 2009

(Für Inhalt und Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)

Helmfried Protsch

Die schwarze Galaxis

Gregor Dohnanus Stocker-Barundi war Seher. Er hatte den Untergang der solaren Galaxis vorhergesagt aber weder Zeitpunkt genannt, noch Genaueres über Ursache und Hergang verlauten lassen. Weil die Astronomen aber nichts entdecken konnten und daher auch keine berechenbaren Größen zur Verfügung hatten, glaubte die ganze Welt, Stocker habe sich geirrt.
Es war reiner Zufall, dass die tödliche Gefahr zwar noch rechtzeitig - aber doch reichlich spät - entdeckt wurde. Und das auch nur, weil ein Astronom mit seinem Fernrohr im richtigen Moment in die richtige Richtung geschaut hatte und feststellte, dass da ein paar Sterne fehlten.
Jetzt war klar, welches Unheil drohte. Die Astronomen und Astrophysiker taten sich schwer, Entfernung, Richtung und Geschwindigkeit dieses "schwarzen Loches" zu bestimmen, wobei die Richtung - direkt auf die Erde zu - noch am schnellsten erkannt wurde. Als nächstes hatte man die Größe bestimmt: eine Million Lichtjahre im Durchmesser. Man war sich einig. Ein Schwarzes Loch dieser Größe würde die gesamte Galaxis aufsaugen. Buchstäblich. Und dieses Loch raste auf die Galaxis zu.
Trotz der kosmischen Entfernungen blieb nicht mehr viel Zeit.
Andererseits - durfte es überhaupt ein "Schwarzes Loch" dieser Größenordnung geben? Normalerweise maßen sie viel weniger, hatten in etwa die Größe einer Sonne. Hatten eine so hohe Gravitation, dass ihnen nicht einmal das Licht entkommen konnte. Wie sollte ein so großes Objekt eine so hohe Gravitation halten können?
Das Universum war also immer noch für Überraschungen gut.

Der KOSMISCHE RAT tagte. - Für hehre Namensgebung hatten die Menschen schon immer etwas übrig. - Man war sich einig, dass es unmöglich sein würde, die gesamte Menschheit in Raumschiffen zu verfrachten und zu einer anderen Welt zu schicken. Zehn Milliarden Menschen - nein, das war unmöglich.
Eine Katastrophe galaktischen Ausmaßes musste demnach mit einer Aktion galaktischer Größe beantwortet werden. Hierzu gab es tatsächlich ernst zu nehmende Anregungen: Einige schlugen vor, das gesamte Sonnensystem - einschließlich der Sonne - in einer Energieblase - wie auch immer - auf die Reise zu schicken, einige andere dachten daran, das Gleiche in eingeschränkter Form zu tun, indem man die Sonne mit den ersten vier Planeten losschickte, den Rest des Systems aber an Ort und Stelle zu belassen um zu sehen, was geschehen würde. Sie rechneten sich gute Chancen des Überlebens aus. Mitglieder einer dritten Gruppe schließlich dachten in engen Bahnen und recht klein kariert und wollten mittels eines einzigen, wenn auch großen Raumschiffes, nur eine Elite der Menschheit - zu der sie selbst natürlich und automatisch gehörten - auf die Suche nach einer neuen Erde schicken.
Nach langen, heftigen und zum Teil polemischen Diskussionen kam der ehrgeizigste Vorschlag zum Zuge: Ein Wurmloch zwischen der Erde und der Andromeda-Galaxis sollte das gesamte solare System mittels der andromedischen Gravitationsenergie in die ferne Galaxis katapultieren.
Fieberhaft begannen die Wissenschaftler ein Wurmloch zu berechnen, das groß genug sein sollte, das gesamte solare System aufzunehmen. Das ging recht schnell. Außerdem mussten sie natürlich den Energiebedarf eruieren - aber die Werte, die ihnen der Rechner lieferte, waren schwindelerregend hoch. Man brauchte eine zweite Sonne.

Mustafa Econ flog mit seiner Flugscheibe nach PacificCentreCity, der schwimmenden Metropole "zwischen den Welten". Im OneWorldBuilding parkte er sein Fluggerät im 10.OG, Box 10.175 und fuhr mit dem Aufzug "RocketCar" zum Sitzungssaal im 180.OG.
Der KOSMISCHE RAT war bereits fast vollzählig. Econ nahm seinen Platz
ein - Nr. 22 im arabischen Archipel. 36 Abgeordnete waren delegiert. USA stellte 225, die United States of Europe 99, Russland 81, China 96, Afrika insgesamt 116, Australien 23, Brasilien 41 und die restlichen Staaten Südamerikas zusammen 64. Kanada entsandte 38 und alle restlichen Staaten zusammen 181 Delegierte.
Im Boden des riesigen Saales waren die Kontinente und Staaten in ihren Konturen eingelegt, so dass die Abgeordneten jeweils in ihrem Land ihren Sitz hatten.
Inzwischen hatten sie den "President of Day" mit 797 Stimmen gewählt. Saron Eliahu Binbol aus Nigeria begrüßte die Delegierten und sagte weiter: "Ich möchte Ihnen Sir Professor Dr. Jeremia Singhal aus Israel vorstellen. Er ist Vorsitzender des Ausschusses Energiebeschaffung und er wird uns über den neuesten Stand des wohl derzeit schwierigsten Problems Energie informieren. Bitte sehr, Herr Professor.
Singhal begrüßte die Delegierten und fuhr fort: "Ihr Mitglied des Rates, der Abgeordnete Binbol hat bereits angerissen, um was es geht. Wir Wissenschaftler stehen vor einem fast unlösbaren Problem - wir brauchen mehr Energie für das Projekt Andromeda als uns bis jetzt zur Verfügung steht. Inzwischen haben wir eintausend Kernfusionsreaktoren gebaut und im Sonnensystem positioniert. Wir haben alle Vorbereitungen getroffen, die Energie der Sonne direkt auf unsere Systeme zu leiten, soweit dies vertretbar ist und ohne Gefahr für die Erde. Eine weitere Ausweitung des Energiepotentials erscheint derzeit unmöglich. Ich kann und will Sie nicht mit Zahlen behelligen, mit denen Sie nichts anfangen können. Aber um Ihnen begreiflich zu machen, um welche Dimensionen des Energiebedarfs es geht, möchte ich nur einen lapidaren Satz in den Raum stellen: Wir brauchen noch eine Sonne.
Betretenes Schweigen im Plenum. Was konnte man tun? Hatte jemand eine Idee? Man besprach sich mit seinen Nachbarn. Binbol mit Singhal.
Schließlich unterbrach Binbol eine inzwischen laut gewordene Diskussion im Plenum mit drei Hammerschlägen.
"Meine Damen und Herren", sagte er, "hat jemand von Ihnen Vorschläge zu machen? Wenigstens einen?"
Er erhielt keine Antwort. Diese Ruhe im Plenum, diese absolute Stille bei tausend Delegierten hatte das Haus noch nie erlebt.
Binbol lehnte sich zu Singhal hinüber und flüsterte ihm etwas zu. Es war trotz Mikrofon nicht zu verstehen. Es schien, als wolle er die Stille nicht stören. Diese atemlose, laute Stille.
Econ meldete sich zu Wort: "Meine Damen und Herren, mein Name ist Econ aus der Arabischen Liga. Wir befinden uns in einer sehr prekären Situation. Wir haben uns für die größtmögliche, höchst umfangreiche Aktion zur Rettung der Menschheit und ihrer Kultur sowie des ganzen Sonnensystems entschieden. Wie Sie alle wissen, war das kein leichter Entschluss. Nun stehen wir vor den Trümmern unseres Größenwahns."
Zorniges Gemurmel mit einigen polemischen Zwischenrufen erfüllte den Saal.
Binbol schaffte Ruhe.
"Meine Damen und Herren", sagte er, "halten Sie sich zurück. Lassen Sie Herrn Econ zu Ende reden."
Econ fuhr fort: "Was ist zu tun? Wir könnten zu dem kleinsten Nenner unserer ersten Diskussion zurückkehren, ein Raumschiff bauen, einen elitären Kreis -"
Weiter kam er nicht. Ein empörtes Schreien der meisten Delegierten schlug ihm entgegen.
Econ lächelte und wartete. Er hob beschwichtigend die Hände. Langsam wurde es leise.
Econ sprach weiter: "Ich bin von der Arabischen Liga hierher delegiert worden, weil ich Historiker bin. - Warum? Das ist eine andere Sache und führt uns nicht weiter. - Ich habe außer unserer Kultur auch die nordafrikanische, ägyptische und die Kulturen Europas, der Türkei und Indien studiert, ich habe, seit ich in diesem Gremium bin, auch Literatur studiert - und zwar eine ganz Besondere."
Er machte eine Pause und wusste die Spannung auf seiner Seite.
"Science Fiction", ergänzte er.
Schallendes Gelächter erfüllte den Saal. Binbol benutzte seinen Hammer.
"Sprechen Sie weiter, Herr Econ", sagte er, "aber kommen Sie zur Sache."
"Schon dabei, Herr Präsident."
Er verneigte sich leicht.
"Es ist gar nicht so abwegig wie es aussieht, meine Dame und Herren. Da gab es im zwanzigsten Jahrhundert einen Roman, der auch verfilmt wurde, und sogar als "Kultfilm" - wie man damals sagte - in die Geschichte einging. Er hieß "2001 - Odyssee im Weltraum". Er war hervorragend gemacht mit - für die damalige Zeit unglaublichen Effekten. Man muss sich das vorstellen. Es hatte zu dieser Zeit gerade mal eine Mondlandung gegeben und das System wurde mit Sonden erforscht."
Binbol unterbrach: "Herr Econ kommen Sie zur Sache. Wir sind nicht hier, um eine Exkursion in Sachen Science Fiction zu machen."
"Gut Herr Präsident. Ich bin gleich da. Also noch mal kurz zum Film. In einem zweiten, späteren Teil verwandeln die außerirdischen Intelligenzen - übrigens eine eigenwillige, aber tolle Idee des Autors -"
Ein strenger Blick Binbols traf Econ.
"Also die verwandelten Jupiter in eine Sonne. Und jetzt meine Frage an Professor Singhal: Ist uns dies möglich? Macht es Sinn? Und würde dann die Energie reichen? Und noch eine Frage: Wie wäre es, wenn wir Uranus, Neptun und Pluto nicht mitnehmen? Wir könnten das Wurmloch erheblich kleiner machen und eine Menge Energie sparen. Danke, meine Damen und Herren."
Im Saal wurde es wieder laut. Man diskutierte kontrovers. Aber keiner der Delegierten wusste so recht, was der Vorschlag bedeutete.
Binbol verschaffte sich erneut Aufmerksamkeit: "Herr Professor Singhal, können Sie uns dazu etwas sagen? Halten Sie den Vorschlag für prinzipiell umsetzbar? Und kann er uns aus der Krise helfen? Bitte Herr Professor."
"Herr Präsident, meine Damen und Herren. Auch ich kenne diese Story, habe den Film hier im History gesehen. Was ist dazu zu sagen? Wir müssten zunächst prüfen, ob sich Jupiter dazu überhaupt eignet. Wir müssten unsere Niederlassungen auf Europa und Ganymed aufgeben und wahrscheinlich auch die Minen auf Saturnmond Titan räumen. Immerhin könnte uns dieses Projekt aus dem Dilemma helfen - sage ich jetzt einmal so. Wir haben eigentlich keine andere Möglichkeit mehr. Wir müssen nach jedem Faden greifen. Die schwarze Galaxis rückt gewaltig schnell näher. Danke."
Natürlich gab es noch andere Themen zu besprechen und zu beschließen, und so dauerte die Sitzung noch zwei Stunden, ehe sie Binbol schließen konnte.
Der KOSMISCHE RAT tagte einmal im Jahr, Ausschüsse und Unterausschüsse jeweils nach Bedarf. Immer wieder tauchten kleinere und größere Differenzen und Probleme auf, die gelöst werden mussten.
Vier Sonnenumläufe hatte die Erde inzwischen absolviert, als erneut eine der jährlichen Vollversammlungen des KOSMISCHEN RATES einberufen wurde.
Nach dem üblichen Eröffnungs- und Begrüßungs-Zeremoniell kam man schnell zum Hauptthema.
Der vorab gewählte Tagungspräsident Dietmar Hillinger, kündigte Professor Singhal an.
Singhal begrüßte umständlich das Plenum. Offensichtlich grauste ihm vor dem, was er mitzuteilen hatte.
"Vor vier Jahren wurde von Herrn Econ von der Arabischen Liga der Vorschlag gemacht, Jupiter in eine Sonne umzuwandeln und als Energiequelle zu nutzen. An dieser Stelle sei ihm hiermit nochmals ausdrücklich gedankt, auch wenn - lassen wir das für später. Die SCIENTIFIC EARTH COMMISSION hat den Vorschlag geprüft, berechnet, getestet und legt ihn hiermit zum Beschluss vor. Folgendes ist auszuführen: Jupiter als Energiespender zu nutzen, ist theoretisch möglich. Da er aber ein Planet ist, muss er für die Funktion als Sonne erst aufbereitet werden. Das wird rund hundert Jahre in Anspruch nehmen. Die dann zur Verfügung stehende Kapazität sollte für die Errichtung des Wurmlochs ausreichen, wenn alle Komponenten zusammen wirken. Wir haben einen Fusionsreaktor in Äquator-Umlaufbahn um Jupiter gebracht. Erste Tests sind positiv verlaufen. Die Ergebnisse zufriedenstellend."
Hillinger warf in die Pause Singhals ein: "Herr Professor, ich darf kurz resumieren. Das bedeutet also, dass alle theoretischen und praktischen Voraussetzungen für das Projekt Jupiter gegeben sind?"
"Ja, Herr Präsident. Alle Voraussetzungen sind erfüllt. Aber - wie gesagt - wir benötigen für die Anreicherung Jupiters mindestens einhundert Jahre. In dieser Zeit müssen wir Mars etwas näher an die Erde beziehungsweise zur Sonne führen. Wir müssen seine Atmosphäre verdichten. Mars wird dann wärmer werden und zur freien Besiedelung geeignet sein. Auch die Erde wird ein wärmeres Klima bekommen - im Mittel drei bis vier Grad Celsius - so dass das Poleis beider Pole schmelzen wird. Daraus folgt, dass wir die tiefliegenden Gebiete der Erde evakuieren müssen. Das bedeutet im Einzelnen."
Professor Senghal sprach noch dreieinhalb Stunden über Auswirkungen und Planungen und andere Themen, bevor die Abstimmung für oder gegen das Jupiter-Projekt stattfinden konnte. 837 Ja-Stimmen waren denn auch ein deutliches Zeichen. Es wäre, so die vorherrschende Meinung, einem Todesurteil über die Menschheit gleich gekommen, hätte sich das Gremium anders entschieden.
Zum Ende der Sitzung, als die Delegierten bereits erschöpft in ihren Sesseln hingen, ließ Senghal sein letztes Thema los - vielleicht aber auch gerade deswegen.
"Herr Präsident, meine Damen und Herren. Ein Thema muss ich noch los werden. Als das Ausmaß der bevorstehenden Katastrophe bekannt wurde, hat die Weltregierung in Zusammenarbeit mit der SCIENTIFIC EARTH COMMISSION das Projekt "Adam und Eva" auf den Weg gebracht."
Die Delegierten waren wach. Davon hatten sie noch nichts gehört und viele konnten sich auch unter Adam und Eva nichts vorstellen. Was wurde da an ihnen vorbei beschlossen und umgesetzt?
Hillinger griff zum Hammer.
"Bitte, meine Damen und Herren. Professor Senghal wird uns berichten um was es geht."
Nur langsam wurde es leiser.
"Das Projekt "Adam und Eva" ging vom größten anzunehmenden Unfall aus, nämlich dem Versagen aller Vorkehrungen gegen den Totalverlust unseres Systems und damit der Menschheit. Zum Programm: Nach christlicher Religion waren Adam und Eva die ersten Menschen."
Wieder wurde es laut im Saal. Senghal sprach trotzdem weiter.
Es wurden zwei der besten Wissenschaftler der Erde ausgewählt, ein Mann und eine Frau. Ihnen wurde das größte Raumschiff, das wir besitzen zur Verfügung gestellt. Dieses Raumschiff wurde mit allem ausgestattet, das man für ein Leben auf einem unbekannten Planeten braucht. Auch ein Großteil der irdischen Flora, ja sogar Fauna ist vorhanden, also eine verkleinerte Arche Noah. Ferner wurde es mit Waffen zur Selbstverteidigung ausgerüstet. Und, letztendlich ist das Schiff auch technisch auf dem neuesten Stand - es kann zum Beispiel sein eigenes Wurmloch erzeugen. Die Hoffnung für dieses Projekt heißt, im Andromedanebel eine Welt finden, auf der die Fortsetzung der Menschheit möglich ist. Die beiden Wissenschaftler haben sich freiwillig zu der Mission gemeldet. Sie sind jedoch gehalten, sich fortzupflanzen, um einen Neustart der Menschheit zu ermöglichen. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit nach der bereits so langen Sitzung."
Dass der KOSMISCHE RAT in dieser Sache übergangen worden war, ließ den Delegierten natürlich keine Ruhe und sie machten daraus keinen Hehl. Es ging ihnen weniger darum, was gemacht worden war, sondern es ärgerte sie, dass sie übergangen worden waren.
Jedoch hielt die gekränkte Eitelkeit das Gremium nicht lange in Bann. Man hatte andere Sorgen und es war auch nicht mehr zu ändern. Der Vorfall geriet schnell in Vergessenheit.

Kent Mahler-Goslar kehrte mit seinem Raumschiff "Sperber III" ins solare System zurück. Das kleine wendige Schiff gehörte zu einer Flotte von Aufklärern, die die "Schwarze Galaxis" beobachten sollten. Obwohl es den Piloten verboten war, wegen einiger Totalverluste, näher als zehn Lichtjahre heran zu fliegen, hatte sich Kent nicht daran gehalten. Er war bis auf zwei Lichtjahre nahe gekommen, allerdings stets bereit, mit programmierter Notfallschaltung und Stand-by-geschaltetem Antrieb die Flucht zu ergreifen. Dazu war es aber nicht gekommen. Im Gegenteil. Er brauchte mehe und mehr Energie um näher an das Gebiet heran zu kommen. Seine Berechnungen ergaben, dass er gegen eine Raum-Zeit-Krümmung gigantischen Ausmaßes ankämpfen musste und dabei trotz allem eigentlich rückwärts flog.
Er hatte alle Parameter und Daten in den Rechner gefüttert, der ihm nach vielen Stunden gesagt hatte, dass er sich einem Universum im Universum gegenüber sah. Damit hatte sich bestätigt, was er insgeheim vermutet hatte. Er war stolz auf sich selber - und das nicht zufällig, hatte er doch bereits öfters Ergebnisse postuliert, die sich erst später als richtig erwiesen hatten.
Kent war ein "Freibeuter" der Raumfahrt. Er glich mit seinem wild wuchernden Vollbart und seinem Lederdress tatsächlich einem Freibeuter vergangener Jahrhunderte. Aber er kannte sich im bekannten Gebiet der Raumfahrt aus wie kein anderer, fühlte sich aber an der Grenze zu Neuland erst richtig zu Hause.
Als er die Erde erreicht hatte, um zu berichten, was er entdeckt hatte, wollte man ihn festnehmen und verurteilen, weil er das Verbot übertreten hatte. Natürlich ließ er sich das nicht gefallen und ergriff die Flucht, nach dem er merkte, dass sich niemand für seine Entdeckung interessierte.

Kapitän Shiva Gurananda war Adam, Elvira Gomez Eva.
Shiva war indischer Abstammung, ein großer stattlicher Mann. Er hatte Medizin, Physik, Chemie studiert, war Spezialist für Kommunikationstechnik, Datenanalytiker, Hard- und Software-Spezialist, Energie-Analytiker, Mathematiker und Astronaut.
Elvira stammte aus Spanien, ebenfalls eine große Frau, war sie sich ihrer Erscheinung durchaus bewusst. Ihre Ausbildung umfasste Biologie, Kosmologie, Medizin für alle Fachrichtungen, dazu gehörte auch Homöopathie und asiatische Medizin, Geistiges Heilen, sowie Shamanismus und andere Randgebiete. Außerdem war sie Physikerin.
"Es ist doch gleich, ob wir nach Andromeda oder irgend wo sonst hin fliegen", sagte Shiva zu Elvira. "Die Hauptsache ist, wir finden einen Planeten wie die Erde. Da können wir uns niederlassen und eine neue Menschheit gründen. Was meinst du?"
"Natürlich ist es im Prinzip gleich. Aber warum willst du nicht nach Andromeda? Das ist genau so eine Spiral-Galaxis wie die unsere. Wir sind doch bestens ausgerüstet für dieses Unterfangen. Wo ist das Problem?"
"Da ist kein Problem. Ich möchte mir aber die schwarze Galaxis ansehen. Ich möchte sie studieren - wenn möglich, natürlich - und ich möchte feststellen was mit unserem Sonnensystem geschieht."
"Das wird aber nicht mehr da sein. Hast du nicht mitgekriegt dass sie es durch ein Wurmloch nach Andromeda jagen wollen?"
"Natürlich weiß ich das. Aber das klappt niemals. Die werden es nicht schaffen. Die schwarze Galaxis wird sie schlucken. Das überlebt niemand. Sie hätten uns nicht auf die Reise geschickt, wenn sie mit einem Erfolg rechnen würden. Also. Was ist?"
Elvira zuckte mit den Schultern. Sie ergänzte: "Ich weiß nicht."
Gurananda meinte: "Liebe Elvira, da wir uns nun schon auf das Abenteuer eingelassen haben, und wir unsere Welt so oder so und die Menschen auch nicht wiedersehen werden, können wir doch tun, was wir wollen. Niemand wird uns zur Rechenschaft ziehen. Oder etwa nicht?"
"Ich weiß nicht", antwortete sie zögerlich.
Sonst entschied sie immer schnell und ohne zu zögern. Sie wusste immer, was sie wollte. Nur diesmal?"
"Also ich werde den Kurs ändern. Ich finde die Planung mit Andromeda falsch. Außerdem können wir immer noch dorthin, wenn die schwarze Galaxis unsere Galaxis total verschlingt. Aber ich glaube das nicht. Ich wollte von vorn herein nicht nach Andromeda, aber man hat mir keine Wahl gelassen. Nun sieht das anders aus. Ich möchte aber dein Einverständnis. Wenn wir schon Stammeltern einer neuen Menschheit spielen müssen, sollten wir uns doch einig sein. Oder nicht? Und außerdem - das wollte ich dir schon gleich nach unserem Start sagen - ich liebe dich. Und - das ist jetzt ein offizieller Antrag - ich möchte dich heiraten."
"Das geht mir im Moment ein bisschen zu schnell. Zurück zum Thema Andromeda. Du hast Recht. Ich bin mit einem Kurswechsel einverstanden. Ich möchte mir ebenfalls diese kosmische Katastrophe ansehen. Nicht aus Sensationsgier, auch nicht, weil das solare System dabei zerstört wird. Ich sehe das allein von der kosmischen Warte aus. Manchmal muss die Form zerstört werden, damit etwas Neues wachsen kann. Vielleicht ist das notwendig geworden. Verstehst du, was ich meine?"
"Ja, ich verstehe dich nur zu gut. Aber ich bin kein Kosmologe. Ich sehe das rein wissenschaftlich."
"Ich auch. Man kann so etwas aber auch nur einmal erleben. Die Wahrscheinlichkeit einer zweiten Erfahrung dieser Art ist gleich null."

Der KOSMISCHE RAT tagte. Nach der Wahl des Sitzungspräsidenten Walter Staveno trat Dr. Shin Wan Song von der SCIENTIFIC EARTH COMMISSION ans Rednerpult: "Sehr verehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren. Ich werde heute das Einführungsreferat nicht alleine halten. Dr. Fung Wa von der ENERGY CONTROL SOCIETY wird den entscheidenden Teil dazu beitragen. Es sind jetzt mehr als einhundert Jahre vergangen, seit hier im Gremium der Beschluss gefasst wurde, das Sonnensystem auf die Reise zum Andromedanebel zu schicken."
Allgemeines Gemurmel unterbrach den Redner.
"Ich weiß, das war nicht ganz korrekt. Deshalb werde ich jetzt ergänzen - was ich so wie so tun wollte - der entscheidende Beschluss betraf die Anreicherung - oder besser gesagt - die Vorbereitung des Jupiter zu seiner Funktion als Sonne. Also als Energielieferant für den Aufbau und Erhalt des benötigten Wurmloches für den Transfer des Sonnensystems nach Andromeda. Seit nunmehr acht Jahren erfüllt Jupiter diese Anforderung.
Soweit mein Teil. Dr. Fung Wa wird jetzt von seiner Warte aus weiter referieren. Bitte Dr. Fung Wa."
"Sehr verehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren. Wie Dr. Shin Wan Song bereits sagte, Jupiter hat vor etwa acht Jahren seine Aufgabe übernommen. Er hat jetzt seine volle Kapazität erreicht und wir sind soweit sehr zufrieden."
"Wo ist der Haken?"
Zwischenruf aus dem Plenum. Allgemeines Gelächter.
"Lachen Sie nicht, meine Damen und Herren. Die Frage ist durchaus berechtigt. Jupiter erfüllt zwar seine Aufgabe, aber die Energiemenge und die Energiestärke erreichen nicht die Werte, die wir erhofft und errechnet haben. Und die wir brauchen."
"Da war wohl der Wunsch der Vater des Gedankens!"
"Nein, so kann man das nicht beurteilen. Bei einem Projekt dieser Größenordnung ist der Unsicherheitsfaktor sehr hoch."
"Hoch?"
"Bitte meine Herren!"
"Sie müssen bedenken", fuhr Fung Wa fort, "dass dieses Projekt trotz unseres umfangreichen Wissens, unserer Technik und unserer Forschungen ein Erstlingswerk ist, für das wir keinerlei Erfahrungswerte zur Verfügung haben. Ferner ist auch die Erstellung eines Wurmlochs dieser Größenordnung und seiner "Betriebsdauer" Neuland. Wir haben die Werte, die uns für kleine Wurmlöcher, also zum Beispiel für die Raumfahrt, also für unsere Raumschiffe bekannt sind, hoch gerechnet und gehofft brauchbare Grundlagen für die Berechnung der notwendigen Energiemengen und -stärken zu gewinnen. Dies hat sich jedoch im praktischen Versuch nicht bestätigt."
"Zu hoch gepokert und verloren!"
"Es ist erfrischend, dass wir einen Kritiker unter uns haben, der uns immer wieder auf die Erde holt. Glauben Sie mir, meine Damen und Herren, dass es mir - beziehungsweise uns nicht leicht fällt, zu sagen, dass wir noch eine Sonne benötigen, die mindestens die Menge an Energie aufbringt, die jetzt Jupiter leistet. Mit einer größeren Zahl an Fusionsreaktoren können wir das Problem nicht lösen. Was das bedeutet wird Ihnen jetzt wieder Dr. Shin Wan Song unterbreiten. Danke für Ihre Aufmerksamkeit."
"Sehr verehrte Damen und Herren, es ist ein trauriges Kapitel der Menschheitsgeschichte, dass alle unsere Hoffnungen und Pläne in Kürze durch das Zusammentreffen des solaren Systems mit der schwarzen Galaxis im Rahmen eines kosmischen Feuerwerks verglühen. Wir haben alles getan, um der Menschheit eine Zukunft zu sichern, indem wir das gesamte System mittels eines Wurmlochs in den Andromedanebel versetzen wollten. Ich wage zu behaupten, dass der kosmische Geist, die kosmischen Gesetze und die kosmische Energie mit unserem Vorhaben nicht einverstanden waren und unsere Tilgung aus dem Weltall fest geschrieben haben. Ich kann nur hoffen, dass wenigstens das Projekt "Adam und Eva" nicht fehlschlägt und der Menschheit ein erfreuliches und würdiges Comeback auf der Bühne des Kosmos ermöglicht.

Das Raumschiff mit dem beziehungsreichen Namen TERRA flog mit Lichtgeschwindigkeit auf die unübersehbar große schwarze Galaxis zu.
Die Messgeräte des Schiffes hatten eine Größe von mehr als einer Million Lichtjahren im Durchmesser ermittelt, die aber nicht konstant blieben, sondern um etwa einhundert Lichtjahre rhythmisch schwankten. Außerdem stellte der Bordcomputer fest, dass dieses Gebilde keine Galaxis war, sondern ein in sich geschlossenes Etwas ohne jeglichen Kontakt zum bekannten Universum, das mit Lichtgeschwindigkeit auf einer spiralförmigen Bahn durch die Galaxis flog. Es funktionierte also nicht wie ein Schwarzes Loch, das mit seiner wahnwitzigen Schwerkraft ganze Sternsysteme "verschluckte", sondern es verhielt sich wie ein kleiner Kosmos, der dadurch eine riesige Raum-Zeit-Krümmung verursachte, die Sternsysteme auf Ausweichkurs zwang.

"Elvira schau dir das an. So wie die Daten jetzt stehen, ist dieses Gebilde ein eigenes kleines Universum, das unsere Galaxis durchrast. So wie die Konstellation der Ekliptik unseres Sonnensystems zum Zeitpunkt des Zusammentreffens mit diesem Universum sein wird - so hat es der Computer errechnet - werden Erde und Sonne auseinander gerissen. Falls sie danach wieder zusammenfinden, wird die Erde wüst und leer sein."
"So steht es in der Bibel", sagte Elvira.
"Wir sollten die Erde beobachten", erwiderte Gurananda. "Ich bin sicher, Erde und Sonne - und die anderen Himmelskörper werden wieder zueinander finden. Der Computer hat dies mit einer Wahrscheinlichkeit von dreiundachtzig Prozent errechnet. Vielleicht können wir schon bald auf der Erde landen. Wir haben alles, was wir brauchen. Wenn wir im Schiff bleiben, kann uns nichts passieren. Wir werden versuchen, die Atmosphäre zu beleben, unsere "Arche Noash" auf die Erde zu bringen, die Pflanzen zu kultivieren und die Tiere zu vermehren. Ich glaube, dass wir den Schöpfungsmythos neu beleben können"
Elvira ergänzte: "Shiva, daran hege ich keinen Zweifel. Wir sind Adam und Eva. Wir sind die ganze Zeit mit Lichtgeschwindigkeit geflogen. Die Zeitdilatation bringt uns an den Anfang zurück."
"Nein. Nicht zurück", sagte er. "Sie bringt uns an einen neuen Anfang."
"Du irrst. Du vergisst die Raum-Zeit-Krümmung. Es ist wie ein Wurmloch durch die Zeit. Nur rückwärts. Sie bringt uns zurück. Zurüc k an den allerersten Anfang. Wir schaffen das Paradies. Und wir erschaffen die Menschheit. Shiva, wir werden Zwillinge haben. Ich habe die Früherkennung gemacht. Zwei Söhne. Ich will, dass sie Kain und Abel heißen.
Sie machte eine Pause. Shiva stand wie versteinert. Es war unerträglich still im Raumschiff.
Dann sagte Elvira ganz leise: "Und die Bibel hat doch Recht."