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Text des Monats April 2009
(Für Inhalt und
Auswahl sind die Autoren selbst verantwortlich)
Klaus Schmitt
O.v.D.
"Opa, rauchst du", fragt der Knirps seinen Großvater und das in einem Ton als verdächtigte er ihn des Verzehrs von Menschenfleisch.
Woher er das bloß hat? Rauchen! Jetzt ist er gerade mal vier.
"Opa, warum nimmst du zum Brotzeitmachen immer dein Taschenmesser? Wir haben doch richtige Messer." Das war Julia, seine Schwester, ABC Anwärterin.
"Eure Messer schneiden doch nicht gescheit."
"Mama, der Opa hat gesagt unsere Messer schneiden nicht gescheit."
"Petze."
"Bin keine Petze. Mit dem Taschenmesser hast du schon mal Stöcke abgeschnitten und Schiffchen geschnitzt und Buntstifte gespitzt und die Kastanien hast du mit dem Taschenmesser angebohrt und Nüsse hast du aufgemacht damit und am Radl hast du mal an einem Kabel rumgesäbelt und den lockeren Knopf an deiner Jacke hast du abgetrennt……..
…….ja ja, und von den Rüben für die Gäule habe ich das Kraut abgeschnitten."
Das ist zuviel für die Pferdefreundin und sie begehrt auf: "Das heißt nicht Gäule, das heißt Pferde."
"Ist doch das gleiche."
"Das ist nicht das gleiche. Das heißt Hengst oder Stute, aber nicht Gaul. Und jetzt schneidest du die Butterbrezn mit dem Taschenmesser."
"Mit einem gescheiten Messer kann man eben alles machen."
"Aber abwaschen tust du es nicht."
"Messer waschen? Wo kämen wir da hin? Da werden sie doch nur stumpf."
"Wie lange hast du das Taschenmesser schon Opa?"
Das war Laurin, der Kleine. Der Opa macht weiter Brotzeit. Er kennt das Spiel schon und lässt sich nicht darauf ein. Und jetzt beide und im Wechsel: "Opa, wie lange du das Taschenmesser schon hast. Opa, hast du es auch schon mal verloren? Opa, wie machst du das Taschenmesser wieder scharf? Opa, hast du dich auch schon mal geschnitten?"
Der Opa hebt vielsagend die eine Augenbraue und schaut geheimnisvoll.
"Opa sag, hast du dich schon mal geschnitten? Sag halt Opa, ich sage dir ja auch alles." Das war Julia. Man sieht ihr an, wie sie leidet. Der Opa lässt sie noch ein bisschen zappeln und sagt dann: "Ja." Mehr sagt er nicht. Er hat seinen Grund.
"Hat das geblutet Opa und hat es wehgetan und was hast du dann gemacht und wie groß warst du damals und, und, und………….?
Der Opa kaut stoisch weiter. Er weiß, was passiert, wenn er jetzt antwortet. Da verlegen sich die beiden auf ein anderes Thema.
"Stimmts Opa, Honig wird aus Bienen gemacht?" fragt der Kleine.
Jetzt muss ich doch eingreifen, denkt sich der Opa und schluckt noch mal kräftig, doch er packt nicht alles. Er kann aber auch nicht länger warten, sonst bleibt es beim Honig aus Bienen. Darum sagt er: "Nein Kinder, die Bienen machen den Honig."
Endlich haben sie den Opa dort, wo sie ihn haben wollen: "Mit vollem Munde spricht man nicht", jubeln sie. Und weil das noch nicht reicht, rufen sie der Mama im Nebenzimmer zu: "Mama, der Opa spricht mit vollem Mund."
Darauf die Mama ganz entspannt. "Der Opa ist nicht mein Kind."
Da geben sie sich erst mal geschlagen. Der Opa schmunzelt und schneidet sich ein gehöriges Stück vom Käse ab, dann spießt er es auf und schiebt es in den Mund.
"Mama, der Opa hat den Käse mit dem Messer aufgespießt und in den Mund gesteckt."
"So schmeckt er am besten, der Kas."
Zuerst schauen sie etwas verdutzt, aber dann geht's los. Die beiden können sich nicht mehr einkriegen: "Kas, Kas, Opakas."
Und dann wird gelacht. Der Opa lacht am meisten, er lacht so sehr, dass ihm die Tränen kommen. Dann beendet er seine Brotzeit und schleckt gedankenverloren das Taschenmesser ab.
"Mama, der Opa hat das Taschenmesser abgeschleckt."
"Na und, darf ich das nicht? Ist doch meins. Wenn ich`s nicht abschlecke, hängt der Kas später an den Buntstiften. Das ist dann auch wieder nicht recht."
"Ein Messer darf man nicht abschlecken, sagt die Mama."
"Bei einem Opa ist das was anderes", wehrt sich der wenig überzeugend, doch es kommt kein Einspruch. Das Thema Taschenmesser ist offenbar erledigt und die Gestaltung des Nachmittags drängt in den Vordergrund: "Opa, was machen wir heute?"
"Alles, nur nicht Seilhüpfen."
"Warum nicht?"
"Weil ich ein alter Mann bin."
"Opa, wie alt bist du eigentlich?"
"Achtundsechzig."
"Ist achtundsechzig alt."
"Uralt."
"Opa, ist vier Jahre auch alt?"
"Vier Jahre, nein, das ist nicht alt."
"Warum ist vier Jahre nicht alt?"
"Warum, warum. Frag mich was Leichteres. Warum willst du wissen, ob vier Jahre alt ist?"
"Weil halt."
"Was weil? Wenn vier Jahre alt wäre, könntest du auch rauchen meinst du wohl?"
"Nein, vom Rauchen wird man doch krank."
"Wer sagt das?"
"Die Oma."
"Ach die Oma. Was versteht die schon vom Rauchen?"
"Die Oma weiß alles."
"Das ist klar. Wer mag noch ein Brot?"
Keine Reaktion.
"Was haltet ihr davon, wenn wir zur Mangfall gehen?"
"Oh ja, Steine schmeißen."
"Welche Steine? Hast sie doch schon alle reingeschmissen", sagt die Große.
Der Opa hat eine bessere Idee: "Wie wär`s mit Feuermachen?"
"Oh ja."
Julia: "Darf ich dann mit deinem Taschenmesser schnitzen?"
"Mal sehen."
Die Drei starten zur Mangfall. Laurin mit dem Laufrad, Julia mit dem Kinderfahrrad, Opa mit Mamas Rad.
"Kinder, zuerst brauchen wir ein paar große Steine für die Feuerstelle."
"Warum? Brennen Steine auch?" fragt der Kleine.
"Eben nicht."
"Warum nicht?"
"Wirste gleich sehen", sagt die Große.
Julia und Opa tragen Steine zusammen, was Laurin zuerst verwundert registriert und dann mit großem Gezeter zu verhindern sucht: "Das sind meine Steine, die brauch ich zum Schmeißen."
"Die packst du doch gar nicht" sagt der Opa.
"Meine Steine, das sind meine Steine, alles meine."
"Lass ihn", sagt Julia, "der beruhigt sich schon wieder" und hilft Opa beim Holzsammeln. Das geht leicht. Der Fluss ließ beim letzten Hochwasser genug liegen. Der Schmeißer hat sich mit der Situation abgefunden und fragt: "Opa was machst du mit dem Papier?"
"Das wirste gleich sehen."
Im nu steht ein kleiner Scheiterhaufen. Innen das Papier, dann Reisig und darüber das Holz. Zuerst dünnes, dann dickeres. Mit Wohlgefallen betrachtet der Opa sein Werk und fragt: "Wer will anzünden?"
Der Bub geht in Deckung. Seit der Sache mit der heißen Herdplatte, hat er Respekt vor Feuer.
"Julia, was ist? Anzünden."
"Erst wenn ich in die Schule gehe."
"Anzünden ist das schönste am Feuermachen", sagt der Opa und lässt das Zündholz zischen.
"Cool, wie das prasselt; wie Hagel. Aber der Rauch. Opa kannst du den Rauch nicht woanders hinrauchen lassen?"
"Das geht jetzt nicht mehr. Das nächste Mal lass` ich ihn woanders hin."
Das Feuer lodert auf. Nach ein paar Minuten fällt die kleine Pyramide in sich zusammen und lässt ein Häufchen glühender Holzkohle in dem steinernen Ring zurück. Würstchen und Kartoffeln werden in Alufolie gewickelt und in die Glut gelegt. Ein Stock mit Astgabel dient als Feuerhaken und Bratspieß.
"Opa, darf ich jetzt mit deinem Taschenmesser schnitzen? Bitte Opa."
"Meinetwegen, aber aufgepasst! Immer wegschnitzen vom Körper! Vor dem Messer darf nichts sein. Keine Hand, kein Knie, nur Luft. Klar?"
"Ja Opa."
"Opa, ich muss Pipi."
"Na und, was hab ich damit zu schaffen?"
"Kann`s nicht alleine."
"Dann wird`s Zeit, dass du`s lernst. Gleich, ich muss erst noch ein wenig Holz suchen; das Feuer geht sonst aus."
"Opa schnell."
"Was musst du auch immer warten bis es nicht mehr geht. Was, abhalten? Nichts da. Männer machen das im Stehen. Rauchen, aber zum Pipimachen abhalten."
"Opa, komm schnell."
"Moment Julia. Ich muss dem Raucher erst noch die Hose raufziehen."
"Opa schnell."
"Julia Moment. Auch ein Opa hat nur zwei Hände."
"Opa, Hände waschen!"
"Später."
"Was gibt`s Julia?"
Au weh! Blut. Die Hand, die Steine, der Stock, die Hose, überall rote Punkte. Und Tränen.
"Lass mal sehen." Ein kleiner Schnitt, aber so was blutet halt nun mal.
Mein Großvater, denkt sich der Opa, hätte in so einem Fall gesagt: "Fest zuhalten, damit der Magen nicht rauskommt." Aber das geht natürlich heutzutage nicht mehr. Und den Schabernack trieb er auch nur mit uns Buben. Zu Hannelore und Ingrid hätte er das nicht gesagt.
Der Opa tröstet so gut es geht, wickelt drei Tempo drum, damit bloß nichts durchkommt. Dann kehrt die gesamte Mannschaft auf dem kürzesten Weg in die Heimat zurück. Mama verarztet die Verwundete.
Opa fährt noch mal zur Feuerstelle, birgt Würstchen und Kartoffeln und löscht das Feuer. Wie er zurückkommt, ist die Schnitzerin gerade beim Seilhüpfen und ein wunderschönes Pflaster schmückt den linken Zeigefinger.
"Opa, krieg` ich ein eigenes Taschenmesser?" ruft sie fröhlich. Laurin aber schaut sehr nachdenklich. Als ihn der Opa fragt, was los sei, fragt er seinerseits: "Opa, ist Naschen schlimmer als Rauchen?"
Übrigens: O.v.D. bedeutet "Opa vom Dienst".
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