Pegasus

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Verein für kreatives Schreiben e.V.

Frisch. So frisch.

von Heike Stuckert

Henriette fand den See zufällig auf einer ihrer ersten Erkundungstouren. In diesem Sommer traf sie die alte Frau häufig dort. Beide badeten am liebsten früh morgens, wenn es noch still und einsam war. Einmal hatte sie unterwegs Störche auf der nahegelegenen Wiese entdeckt. Immer sah sie Bussarde und, wenn sie besonders Glück hatte, sogar Rehe am gegenüberliegenden Ufer.

Drei Stege führten ins Wasser, und nur auf einen davon fiel am frühen Vormittag die Sonne. Darauf legte sie ihre Sachen ab. Nachdem sie die einzige war, schwamm sie nackt. Als die alte Frau das erste Mal dazukam, hörte sie sie schimpfen – über das Wasser war es besonders deutlich zu verstehen.

„Rücksichtslos! Einfach hier den ganzen Platz belegen. Typisch, immer meinen die Leute, alles gehöre ihnen….“

Oh Mist, dachte Henriette, das war´s mit der schönen Morgenstimmung. Leichte Verzweiflung breitete sich in ihr aus. Es kam nicht oft vor, dass sie sich als Zugezogene hier wohl fühlte. Sie wurde nicht richtig warm mit den Menschen und war oft allein.

Bei den Seerosen drehte Henriette um und schwamm zurück. Mittlerweile war auch die Frau im Wasser, spritze und keuchte und schlug heftig um sich. Es sah aus wie Kraulen, aber es war eher eine Mischform aus allen möglichen Schwimmstilen und einfach nur Geplantsche. Henriette sah, dass sie Flossen trug, außerdem eine Bademütze und eine Schwimmbrille. Die Frau drehte sich immer wieder um sich selbst, schwamm ein paar Züge auf dem Rücken, dann wieder auf dem Bauch. Dazwischen tauchte sie unter und laut prustend wieder auf. Trotz der heftigen Bewegungen blieb sie dabei immer in Ufernähe.

Henriette stieg aus dem Wasser und trocknete sich ab. Sie zog sich gleich ihr Sommerkleid über. Die Sachen der Frau lagen ordentlich zusammen gelegt sehr dicht neben ihren. Offensichtlich hatte sie den Stammplatz der Schwimmerin belegt.

Nun kam die alte Frau an die Leiter und fummelte umständlich unter Wasser herum, wobei sie mehrfach untertauchte, bis sie erst die eine, dann die andere Flosse abgezogen hatte. Sie warf sie auf den Steg und sagte zu Henriette: „Frisch! Ganz frisch ist das Wasser. Es wird schnell kühl, so frisch ist es. Vor allem an den Armen. Aber jetzt muss ich noch Brust.“
„Ah, Sie absolvieren ein richtiges Sportprogramm“, erwiderte Henriette freundlich. Doch die Frau beachtete sie nicht und ließ sich rücklings ins Wasser fallen, drehte sich um und schwamm wieder drauf los.
Henriette seufzte. Jetzt sah sie das Fahrrad, ein Mountainbike, an dem ein Helm baumelte. Es war mit einem dicken Schloss um das Hinterrad gesichert. Ihr Blick fiel weiter auf die kurze schwarze Sporthose mit dicker Einlage im Sitzbereich und ein rotweißes Trikot, daneben ein Rucksack, aus dem eine Plastik-Trinkflasche mit Saugstöpsel herausschaute. Die Profi-Ausrüstung stand eindeutig im Gegensatz zu Alter und Gebaren der Schwimmerin.

Henriette setzte sich mit etwas Abstand zu den Sachen der Frau auf ihr Handtuch und packte „Die Zeit“ aus. Aber noch bevor sie sich in die Lektüre vertiefen konnte, klettere die Dame aus dem Wasser. Sie schüttelte sich wie ein zottiger Hund und zog mühsam Schwimmbrille und Bademütze ab. Sie trug einen Sport-Bikini. Ihr speckiger Bauch, der zwischen Hose und Oberteil hervorstand, war sonnengebräunt.
Während sie sich abtrocknete, den Bikini gegen einen anderen Sport-Bikini austauschte - umständlich hinter dem Badehandtuch verborgen -, ihre nassen Sachen zum Trocknen auslegte, einen Handspiegel hochhielt um sich ausgiebig die kurzen Haare zu kämmen, so, dass sich die Kammspuren deutlich abzeichneten und der Pony platt auf der Stirn klebte, schließlich sorgfältig Sonnencreme auftrug, plapperte sie ununterbrochen. Mittlerweile war Henriette klargeworden, dass sie nur zu sich selbst sprach.
„Frisch. So frisch. Besonders an den Armen, dort wird es immer gleich ganz kühl. Ich habe ja noch das Neoprentrikot mit langen Ärmeln, das muss ich anziehen, wenn es weiter so frisch bleibt. Dass ich daran denke, ich muss es mir gleich rauslegen, das Neoprentrikot mit den langen Ärmeln. So frisch ist das Wasser.“

In der Ferne näherten sich die ersten Kinderstimmen.
„Lang lang ists her. Kinder, wie nett, so lange ist es her, dass meiner so klein war. Ja ja, die Kinder, wie nett, aber das Wasser ist noch ganz frisch.“
Eine junge Mutter breitete eine Decke am Rand des Stegs aus. Ihre beiden Jungs rissen sich die Kleider vom Leib und ließen sie auf der Stelle fallen, zogen Badehosen über und plapperten genauso drauf los wie die alte Frau. „Wie tief ist es? Ich kann nur stehen, ich hab´ noch kein Seepferchen.“ „Ich spring´ einfach rein. Ich kann schon ´ne richtige Bombe, das macht voll die Wellen“.
„Halt, nur mit Schwimmflügel. Simon, komm nochmal her, Du brauchst noch Sonnencreme.“
„Frisch, frisch. Das Wasser ist ganz frisch. Nicht kalt, aber frisch.“
Seufzend faltete Henriette die Zeitung zusammen. Es wurde ihr zu laut.

Noch viele Male traf sie früh morgens die alte Frau. Immer wiederholten sich die Abläufe und die Sätze, immer war es frisch und sie nahm sich jedes Mal vor, an das „Neoprentrikot mit den langen Ärmeln“ zu denken. Sie schimpfte nie mehr, dass Henriette ihren Platz auf dem Steg belegte.

Im Winter fiel Henriette ein Aushang am Laternenpfahl ins Auge: „Vermisst wird die 79-jährige Erna Kerner aus dem Seniorenzentrum. Sie ist sportlich und nicht witterungsgerecht bekleidet. Frau Kerner ist geistig verwirrt und wahrscheinlich orientierungslos. Hinweise nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.“

Sofort lief Henriette zum See. Der Boden war gefroren und die dünne Eisschicht brach bei jedem Schritt mit einem hellen klirrenden Laut. Es lag noch kein Schnee.
Von weitem schon sah sie das Mountainbike und daneben eine hellrote Jacke. Henriette lief schneller. Tatsächlich stand die alte Frau regungslos auf dem Steg und starrte gebannt auf das Wasser. Sie trug eine dunkle Hose, eine zerknitterte grüne Bluse und dazu eine Bademütze, schief über den Kopf gezogen. Henriette näherte sich sehr vorsichtig.

„Frau Kerner, hallo. Kommen Sie, Sie müssen sich wieder Ihre Jacke anziehen, es ist viel zu kalt so.“ „Frisch, so frisch“, stammelte Frau Kerner. „Kommen Sie“, bestimmt zog Henriette sie am Arm. Frau Kerner sah durch sie durch. Dann wollte sie sich losreißen und Henriette bekam Angst, dass sie durch die heftige Bewegung aus dem Gleichgewicht geraten könnte.

„Ich habe ein Neoprentrikot für Sie, kommen Sie.“ „Mit langen Ärmeln?“ „Ja, mit langen Ärmeln“.
Henriette zog ihren Mantel aus und legte ihn um die zitternde Frau. Sie hielt sie fest im Arm, während sie auf dem Handy die Nummer der Polizei eintippte.